Stellen wir unser Licht mutig in den Wind unserer Zeit

Stellen wir unser Licht mutig in den Wind unserer Zeit
Etwa 750 Frauen, Männer und Kinder feierten 500 Jahre Reformation

Als Pfarrerin Mareike Maeggi am 25. Juni, morgens um sechs Uhr ein letztes Mal die Absperrbänder und Hinweisschilder prüft, ist es noch ganz still auf der Halde Rheinpreußen. Abgesehen von Vogelgezwitscher, dem Brummen von ein paar Hummeln, dem leichten Wind in Bäumen und Gräsern und dem fernen Autobahnsäuseln. Weniger als vier Stunden später haben sich 750 Frauen und Männer jeden Alters versammelt, um einen festlichen Gottesdienst zu feiern. Alle 28 Gemeinden im Kirchenkreis Moers haben ihre Gottesdienste an diesem Tag auf die Halde verlegt, um gemeinsam das Reformationsjubiläum zu feiern. Der Gospelchor „GoodNews“ mit Begleitband sowie ein Posaunenchor unter Leitung von Stefan Büscherfeld schon zuvor den Besuchern beste Stimmung.  Dazu gab es Beiträge vom Moerser Bürgermeister Christoph Fleischhauer,  dem katholischen Pfarrer  Herbert Werth. Aus der weltweiten Ökumene sprachen koptische Schwestern aus Ägypten, ein Schüler aus Palästina sowie eine indische Theologiestudentin, die von ihrem Leben, ihrer Arbeit und den Möglichkeiten freier Religionsausübung erzählten.

Um 10 Uhr begann der Gottesdienst. Während die Kinder ihn auf der benachbarten Wiese altersgerecht mit biblischer Geschichte und Spielen feierten, lauschten die Erwachsenen vier Beiträgen, die sich mit verschiedenen Aspekten von Religion auseinandersetzten. Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, ehemaliger Superintendent des Kirchenkreises Moers, nahm den Ort als Ausgangspunkt seiner Rede. Die Landmarke „Das Geleucht“, die überdimensionierte, weithin sichtbare Grubenlampe, verweise auf die Tradition der Region, den Bergbau. Er erinnerte daran, wie Kirche und Bergbau, Gemeindeglieder und z. B. Bergleute oder Stahlarbeiter miteinander verbunden seien. Oft habe die Kirche bei Mahnwachen unterstützt, im Arbeitskampf der Kruppianer gegen die Schließung des Stahlwerks war die Kirche Partner der Arbeitnehmer. „Wir waren von der gemeinsamen Hoffnung getragen, dass selbst in den dunkelsten Erfahrungen und größten Schwierigkeiten, das Licht der Hoffnung für uns brennen wird.“ Dieses Licht leuchte auch heute noch. „Manchmal lodert es hell, wie vielleicht vor 500 Jahren in der Reformation, manchmal flackert es in ungewissen Zeiten und wird zum glimmenden Docht, manchmal wärmt es wie die Feuer der Mahnwachen und manchmal merken wir gar nicht, dass wir in anderen Menschen ein Licht der Hoffnung ‚angezündt‘ haben. Stellen wir unser Licht nicht unter den Scheffel, sondern halten es mutig in den Wind unserer Zeit.“

Esther Mujawayo-Keiner, Traumatherapeutin und Autorin mit ruandischem Hintergrund erzählte, dass in ihrer Familie in Ruanda die Bibel immer auf dem Tisch lag, der Vater daraus vorgelesen habe und die Kinder dazu angehalten hatte, kritisch zu kommentieren, was sie hörten. Sogar in der Kirche hätten die Gottesdienstbesucher mitgelesen, was sie hörten. Diese „Ethik von Martin Luther ist gültig bis heute“, sagte die Traumatherepeutin. „Ein waches, von Gott geformtes Gewissen haben, sich selbst und andere aufklären und protestieren, wenn es nötig ist.“ Als Beispiel nannte sie die Duisburger Schülerin, die aus dem Unterricht nach Nepal abgeschoben wurde. „Wir brauchen keine 95 Thesen an die Kirchentür hämmern, wir können heute online protestieren und in diesem konkreten Fall hier in Duisburg eine Petition unterschreiben (…) Seien wir gute Protestantinnen und Protestanten. Lasst uns vor unserer Haustür anfangen.“

Im nächsten Beitrag setzte sich Jannis Wiederhöft mit Religion und Gewalt auseinander. Der 16-Jährige hatte einen Monat zuvor den vom Kirchenkreis Moers organisierten Poetry Slam „HimmelsWorte“ gewonnen. Der Text erzählt von einem jungen Muslim, der sich, in Deutschland ausgegrenzt, radikalisiert und zum IS geht. Er stirbt in diesem Krieg. Er merkt allerdings nicht, dass er nur funktionalisiert worden ist, „, weil Du nicht verstehst, dass es hier im Endeffekt gar nicht um Religion geht. Es ist ein Krieg wie jeder andere, es geht nur um Geld und Macht“.

Wolfram Syben, Superintendent des Kirchenkreises Moers erläuterte das Motto, unter dem der Kirchenkreis Moers das Jahr des Reformationsjubiläums gestellt hat: von Herzen evangelisch. Das bedeute, „das Evangelium, die gute Botschaft der Liebe Gottes zu uns Menschen immer im Zentrum unseres Herzens, unseres Lebens und unserer Kirche zu haben: Hier in Gottes Wort liegt die lebendige Quelle, aus der wir leben können und nach der sich viele sehnen, hier sind die starken Kräfte und die guten Wegweisungen, die wir so dringend brauchen.“ Niemand habe seinen Glaube jedoch aus sich alleine und allein für sich, er sei ein Gemeinschaftswerk. Der Austausch mit anderen schütze vor Engstirnigkeit und bereichere durch „das Miteinander mit unseren christlichen Geschwistern aller Konfessionen (…) und weitet unseren Horizont!“ Syben sprach auch von der Sehnsucht, die danach frage, was im Leben wichtig und tragfähig sei. „Das wird uns als Einzelne von innen heraus verändern können, das wird neuen Mut und neue Energie, neue Zuversicht und neue Ideen freisetzen können.“

Nach dem Gottesdienst begab sich ein Großteil der Besucherinnen und Besucher zu einem Pilgerweg in Richtung Ev. Stadtkirche Moers, wo sie ein großes Fest erwartete. Vorbei ging es aber zuvor an St. Marien, wo der katholische Pfarrer Herbert Werth und Pfarrer Wolfram Syben ein ökumenisches Friedensgebet sprachen. Darin fragten sie nach der Suche nach dem Frieden zwischen den Religionen und Konfessionen. Mit dem Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti kritisierten sie das „Eigeninteresse einiger Industrienationen und ihres neokolonialen Weltmarkts“. In ihrem Gebet baten sie darum: „Gib, dass wir es nicht schweigend hinnehmen, wenn politische oder wirtschaftliche Eigeninteressen das Überleben aufs Spiel setzen. Lass uns auf deine Zusage vertrauen, dass du Frieden auf der Erde und mit der Erde willst.“

Bei diesem etwa halbstündigen Aufenthalt konnten sich die Pilgernden bei Wasser, Kaffee und Obst auch ausruhen, ehe sie sich wieder auf den Weg machten. Angekommen bei der Stadtkirche erwartete sie ein großes Fest. Eine leckere vegetarische Möhren-Ingwer-Suppe, gespendet von der Grafschafter Diakonie gGmbH - Diakonisches Werk Kirchenkreis Moers und Muffins von Ehrenamtlichen gebacken bildeten die kulinarische Grundlage für die Attraktionen in und an dem Ev. Wahrzeichen der Stadt. Für Kinder gab es Spielstände und Spielmobil. Ein Markt der Möglichkeiten zeigte die Arbeit der verschiedenen Einrichtungen des Kirchenkreises mit Angeboten für jedes Alter.  Die Musik in der Stadtkirche produzierten Künstlerinnen und Künstlern aus dem Kirchenkreis Moers live und unter der Moderation von Kleinkünstler und Theologieprofessor Okko Herlyn. Zu hören waren Kinderchöre der Ev. Kirchengemeinden Lintfort und Kapellen, das Flötenensemble „momentum musicale“ Rheinberg, der Posaunenchor Moers und der Kantorenchor des Kirchenkreises Moers.

„Organisatorisch gab es viel zu tun, aber im Team haben wir es gut geschafft. Und es hat sich ja gelohnt. Ein wirklich schöner Tag!" resümiert Mareike Maeggi nach dem Gottesdienst und Pilgerweg. In der Tat können die Organisatoren zufrieden sein. Die Besucherinnen und Besucher sind gut auf den Berg gekommen, die Grafschafter Diakonie gGmbH - Diakonisches Werk Kirchenkreis Moers hatte ein Fahrzeug zur Verfügung gestellt, so dass auch Nutzer von Rollstühlen zum Geleucht gelangen konnten. Die Gemeinden hatten mit ihren Gemeindebussen Fahrdienste zum Gipfel eingerichtet für die, die weniger gut zu Fuß waren. Die NIAG-Busse mit dem Shuttle-Service von der Innenstadt zur Halde wurden gut genutzt, so dass kein Verkehrschaos entstand. Die Ehrenamtlichen und Gemeinden haben hinsichtlich Essen, Musik und Informations- und Attraktionsständen als großes Team ganz fantastisch zusammengewirkt. Und das Wetter spielte bis auf einige Tropfen auf der Halde wunderbar mit. Um 17 Uhr endete der Festtag in der Ev. Stadtkirche Moers mit dem Segen, den der Superintendent sprach.

Egbert Schäffer
Presse- und Öffentlichkeitsreferat Kirchenkreis Moers